
[Die Ausstellung von Francis Alÿs, dessen Filme auf der Straße spielender Kinder mich manchmal aus irgendeinem Grund an Chris Marker erinnert haben, obwohl es keine Stimme gibt, die aus dem Off meditiert. | Musikalisch Ungleichzeitiges gleichzeitig: Luc Ferrari, Neneh Cherry, Morton Feldman, Flying Lotus, James «Blood» Ulmer, Can. Offenes, konzentriertes Hören, vielleicht eine Nachwirkung des Bach-Konzerts von Herreweghe im Frühjahr: Die Verwendung historischer Instrumente vormoderner Orchester – die wohl kleiner besetzt waren, mit mehr Holz- anstelle von Blechbläsern – hatten einen eigenen, weichen, genauen Sound. Bei Herreweghe und auch später bei Cambreling, dem Dirigenten des Lachenmann-Konzerts, musste ich daran denken, wie sehr ich diese Figur des freundlichen, unprätenziösen Dirigenten mag. | Musik: Irgendwann in Erinnerung an eine Debussy-Schallplatte, die es nicht mehr gibt, versucht, die Varianten der Klavierstücke durchzuhören auf der Suche nach einer Aufnahme, die dieser Erinnerung am nächsten kommt: Nicht zu weich, nicht zu verschwommen, sondern präzise. Dabei der Wechsel von Variante zu Variante der gleichen Stücke wie ein Schwellenübertritt, hinter dem sich irgendwo ein musikalisches Werk zusammensetzt aus Pollini, Zimmerman, Uchida, Kocsis, Yoshikawa, Siruguet, Benedetti, Ashkenazi, Bavouzet. (Ich glaube, in The Glass Key von Hammett unterhält sich der Protagonist mit dem Gefängniswärter, mit dem er Karten spielt, über Mozartvarianten.) | Lektüre: Der Beryll. Und der Besuch beim beryllverkaufenden Mineralogen. | Lektüre: Joan Didion: Demokratie, Judith Kuckart: Die Welt zwischen den Nachrichten. | Eine Erscheinung: Dass ausgerechnet das Büro von Oswald Egger, den ich lese, mir das bestellte Buch von Suzanne K. Langer schickt, von dem ich entdecke, dass es von einem Freund aus Unizeiten mitübersetzt worden war (& gleichzeitig taucht ein gemeinsamer Freund aus Blogzeitteen kurz & genau in dem Moment auf Mastodon auf, als ich diesen Zufall entdecke). | Der italienische Zeichner Gipi. Die schönen Mangas von Tanyo Matsumoto: Tokyo dieser Tage. Ich habe seit langer Zeit mehrere Zeichenblöcke & Skizzenbücher wie Talismane auf dem Tisch liegen und unbenutzt die Bleistifte dazu. | Zwei Besuche, auf die ich mich gefreut hatte, beide ausgefallen, weil ich erkrankt war. | In der Biografie Otto Neuraths von Günther Sandner festgelesen. Der Optimismus dieses marxistischen Demokraten, der das Rote Wien überaus konkret mitgeprägt und die demokratische Visualisierung von Wissen verändert hat. ~ Sein Konzept der «Einheitswissenschaft» als das eines späten Enzyklopädisten am Vorabend des Faschismus. Alle wissenschaftlichen Forschungsarbeiten sollen grundsätzlich miteinander kombinierbar sein. «Die Enzyklopädie wird wie eine ‹Zwiebel› aufgebaut werden. Um diesen Kern von zwei Bänden wird sich eine erste Schale weiterer Bände legen, die wie der ein in sich geschlossenes Ganzes bilden sollen.» (Die neue Enzyklopädie, in: Schulte/McGuiness, Einheitswissenschaft, Suhrkamp 1992, S. 210). – Die «Protokollsätze» des Wiener Kreises, deren positivistischer Dogmatik Neurath skeptisch gegenüber stand, aber sich an den Diskussionen beteiligend: Die Idee eines Realismus in Notaten – wie die Soundcollagen von Luc Ferrari, auf die ich vor kurzem gestoßen bin, fast ein Fotografie-Ersatz mit der Diskretion des Passanten. Neurath weicht von den Positivisten des Wiener Kreises ab, weil er sich den Notierenden selbst, dessen Aufnahme, Handbewegung, Geste, mit anschaut, der Teil der Geschichte bleibt. | Ich hätte selbst nicht wirklich erwartet, dass mich Logik irgendwann mehr als oberflächlich beschäftigen würde. Vielleicht aus dem Bedürfnis, Zusammenhänge und Widersprüche analysieren, wieder benennbar machen zu können – gegen das Hacken der Systeme, gegen den zunehmenden Überhang von Bildern, die aus statistischen Oberflächen, den Schnittmengen verbrauchter Bilder zu bestehen scheinen. (Logik ist natürlich auch eine Oberfläche, aber eine präzise: Keine Tatsachenbuchung ohne Beleg.)] | Ausblick auf Jahre, die nicht besser werden. An den gramsci-ähnlichen, hartnäckigen, pragmatischen Optimismus Neuraths denken. «Wie Schiffer sind wir, die auf offenem Meer ihr Schiff umbauen müssen, ohne je von unten frisch anfangen zu können. Wo ein Balken weggenommen wird, muß gleich ein neuer an die Stelle kommen, und dabei wird das übrige Schiff als Stütze verwendet. So kann das Schiff mit Hilfe der alten Balken und angetriebener Holzstücke vollständig neu gestaltet werden – aber nur durch allmählichen Umbau.» (Neurath, Anti-Spengler, S. 184, nach Sandner)
























































































